Wegen krankheitsbedingter Verzögerung ein später Einstieg, deshalb auch in aller Eile: Fünf Wettbewerbsfilme sind bereits gesichtet, und – sie waren alle sehr verschieden, was unbedingt ein gutes Zeichen ist. Es gab Skurril-Herzwärmendes (Wes Andersons „Moonrise Kingdom“), Brandaktuell-Politisches („After The Battle“ von Yousry Nazrallah aus Ägypten); Provozierend-Unsentimentes (Jacques Audiards „De rouille et d‘os“); Obszön-Verstörendes (Ulrich Seidl mit „Paradies: Liebe“ natürlich) und schließlich Brav-Medien- und Gesellschaftkritisches („Reality“ von Matteo Garrone). Vier starke Filme und ein schwächerer – das ist schon mal eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.
Und nun der Reihe nach: „Moonrise Kingdom“ ist ein Wes-Anderson-Film, wie er im Buche steht (wenn es das schon gäbe): Jedes Bild eine Art filmischer Setzkasten, mit feinen Details, die sich auf den ersten Blick nie vollständig erschließen lassen. Da gibt es zum einen ein Haus mit drei kleinen Jungen, einem etwas größeren Mädchen, Bill Murray als Vater und Frances McDormand als Mutter. Eine Kamera, die die Zimmer abfährt als wäre das Haus eine Puppenstube, präsentiert die Familie als Kosmos addierter Einsamkeiten, jeder beschäftigt mit seinem Ding. Das Mädchen schaut mit Fernglas ins Weite. Zum zweiten gibt es da das Pfadfinderlager, in dem ein leicht sorgenvoller Edward Norton als Chief Ward des morgens seine Jungs inspiziert und entdecken muss, dass einer fehlt. Es dauert nicht lange, und es stellt sich heraus, dass der Zwölfjährige zusammen mit dem oben erwähnten Mädchen sozusagen durchgebrannt ist. Die Familie, die Pfadfinder und ein von Bruce Willis gespielter Polizist machen sich auf, sie zu suchen. Derweil nähert sich ein Jahrhundertsturm dem Handlungsort, wie der Zuschauer von Bob Balaban erklärt bekommt.
Die Schauspieler sind toll, allen voran der Neue im Anderson-Kosmos, Bruce Willis. Und während die Großdarsteller ihr Minimalistisch-Bestes geben, laufen die jugendlichen Laien zu absoluter Topform auf. Das Schöne ist, dass Anderson ihnen das Ungelenke lässt; nie vergisst man, dass diese Kinder spielen und ihnen all die großartigen und stets etwas großspurigen Sätze in den Mund gelegt sind. Aber sie verkörpern so genau das, was alle Anderson-Filme ausmacht: das Ganz-bei-einer-Sache-Sein und den enthusiastischen Eifer, mit dem man sich in Dinge stürzt, wenn man sie zum ersten Mal erlebt. Der Film wurde von Publikum und Kritik, so meine Beobachtung, zwar mit einer gewissen Wärme, aber ohne große Begeisterung aufgenommen.
Sehr viel mehr schlechte Kritiken gab es für Yousry Nazrallahs „After the Battle“. Den meisten erschien er zu oberflächlich und eilig in seinem Versuch, die aktuelle Lage in Ägypten in einer fiktionalen Geschichte zu reflektieren. Ich dagegen fand daran viel Bewundernswertes: Nazrallahs Film ist einer der wenigen, die nicht den Weg der Simplifizierung gehen, um eine glatte Erzählung hinzukriegen. Die Geschichte, die er erzählt, ist kompliziert und bleibt es auch: Eine junge Frau der Mittelschicht kommt in Kontakt mit einem „Horseman“, der mit Familie am Stadtrand von Kairo, direkt bei den Pyramiden wohnt. Sie gehört zu denjenigen, die auf dem Tahrir-Platz für die Revolution demonstrierten; er zu denjenigen, die auf Pferden und Kamelen gegen sie ritten – ein Vorfall, der tatsächlich stattfand und als „Battle of the Camel“ in die ägyptische Revolutionsgeschichte einging. Sie gehört zu den Revolutionsgewinnern, er zu den großen Verlierern – sein Gewerbe ist auf Touristen angewiesen, die nun ausbleiben. Nazrallah macht daraus keine Romeo-und-Julia-Fiktion, sondern wie gesagt etwas viel Unordentlicheres und deshalb Lebensechteres. Er verzichtet auch auf jede Einteilung in Gut und Böse, sondern schaut jeweils genauer hin: da gibt es die Armen und die Besserbegüterten, diejenigen, die in Traditionen gefangen und diejenigen, die in ihnen bestens aufgehoben sind. Und kein Problem verschwindet einfach durch den guten Willen. „After the Battle“ zeigt die verschiedenen Facetten von dem, was sich gerade in Ägypten ereignet, in unübersichtlicher Vielzahl. Es ist der einzige Wettbewerbsfilm mit politischem Anliegen hier in Cannes, und manche spotten, er hätte besser nach Berlin gepasst.
Weiter geht es in einem späteren Posting; es ruft Wettbewerbsfilm Nummer 6!